Im Rahmen der Fachtagung des Fachgebiets Capoeira im Badischen Turner-Bund stand in diesem Jahr die Musik als zentrales Element der Capoeira im Fokus. Mit einem Berimbau-Workshop zur Capoeira Angola vermittelte Axel Kabus, Contramestre Ashé, aus Konstanz den Teilnehmenden nicht nur technische Grundlagen, sondern auch ein tiefes Verständnis für die kulturelle und soziale Bedeutung der Rhythmen.
Contramestre Ashé begann im Alter von 15 Jahren Capoeira Angola bei Contramestre Urubú zu trainieren und praktiziert die afrobrasilianische Kampfkunst nun seit über 25 Jahren. Seit 2000 leitet er die Gruppe “Grupo de Capoeira – Filhos de Angola Konstanz” und engagiert sich als Vorstand des Vereins Lagoa Boa ehrenamtlich für die Verbreitung der Capoeira. Im Juli 2019 erhielt er den offiziellen Titel des Contramestres der Gruppe GCFA.
Von Toques und Berimbaus – Musik in der Capoeira
Trotz der Vielfalt an Schulen und Stilen nimmt die Musik in allen Gruppen einen hohen Stellenwert ein und unterscheidet Capoeira wesentlich von anderen Kampfsportarten. Historisch diente die Musik dazu, das Kampftraining versklavter Menschen in Brasilien als Tanz zu tarnen – bis heute prägen Rhythmus und Gesang das Capoeira-Spiel.
Im Zentrum des Workshops stand das Kennenlernen der “Toques”, der Rhythmen der Capoeira Angola. Diese gilt als ursprüngliche Form der Capoeira und zeichnet sich durch ein langsames, scheinbar gelassenes Spiel aus, das jedoch von Raffinesse, Witz, theatralischen Elementen, Täuschungen und blitzartigen Aktionen geprägt ist. Vertrauen, Dialog und Harmonie zwischen den Spielenden stehen dabei im Vordergrund.
Ein besonderer Fokus lag auf dem Spiel des Berimbaus, dem wichtigsten Musikinstrument der Capoeira. Das einsaitige Bogeninstrument besteht aus einem Holzstab, einer Drahtsaite (Arame) und einem Klangkörper aus einem ausgehöhlten Kürbis (Cabaça). Mit einem Stein oder einer Münze (Dobrão) wird die Saite unterschiedlich angedrückt, während ein Holzstab (Baqueta) die Saite anschlägt. Durch offene, gedämpfte und schnarrende Töne entstehen die charakteristischen Rhythmen, die das Spiel in der Roda lenken.
Grundrhythmen und ihre Wirkung auf das Spiel
Die Teilnehmenden erarbeiteten gemeinsam die vier grundlegenden Angola-Toques:
- Angola, der älteste und traditionellste Rhythmus für ein ruhiges, ausdrucksstarkes Spiel;
- São Bento Pequeno, ein schnellerer, enger gespielter Rhythmus, der häufig im Wechsel zwischen den Berimbaus erklingt;
- São Bento Grande de Angola, der für ein sehr dynamisches Spiel mit weiten Bewegungen genutzt wird.
- Jogo de Dentro, ein dynamisches Spiel das niedrig und eng, mit verschlungenen Bewegungen, gespielt wird
Ergänzend wurden weitere Toques wie Cavalaria vorgestellt, der historisch zur Warnung vor der Polizei diente, oder Santa Maria, der ein kompetitives Spiel für die Zuschauer inszeniert.
Ashé betonte die Musik als “Fundament der Interaktion” – sowohl zwischen den Musiker*innen ("Bateria") untereinander als auch zwischen Bateria und Spielenden in der Roda. Entscheidend sei nicht Selbstdarstellung, sondern das musikalische Zusammenspiel. Die Qualität der Musik schaffe den Rahmen, das Klima und die Energie, in dem Capoeira überhaupt erst möglich werde. Entsprechend hoch sind die Ansprüche an ein sauberes Instrumentenspiel, lange offene Töne und ein bewusstes Variieren der Rhythmen.
Variation, Interaktion, Kommunikation
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Variationen innerhalb der Toques. Diese unterscheiden sich teils von Gruppe zu Gruppe, spiegeln das Spiel wider und können musikalisch Geschichten erzählen. Die drei Berimbaus – Gunga (tief), Médio (mittel) und Viola (hoch) – treten dabei in einen musikalischen Dialog. Während der Gunga traditionell die Basis bildet, heute aber durchaus virtuos eingesetzt wird, übernimmt der Médio häufig eine vermittelnde Rolle, während der Viola Raum für Verzierungen lässt. Besonders lebendig und energetisch kann dabei ein Spiel werden, wenn Viola und Gunga ihre Variationen abwechseln und so ein Frage-Antwort-Spiel entsteht, das besonders schön wird, wenn der Viola das Grundthema und die Variationen des Gungas aufgreift und weiter differenziert. Gemeinsam diskutierten die Teilnehmenden außerdem Übungsmethoden für komplexe, teils off-beat gespielte Variationen und tauschten ihre Erfahrungen dazu aus.
Austausch und Ausblick – die Jahrestagung
Der gesamte Tag wurde durch die Jahrestagung des Fachgebiets Capoeira eingeleitet. Nach der Ankunft und einem kleinen Frühstück folgten organisatorische Beschlüsse, unter anderem die Festlegung der Jahres- und Fachtagung 2027 auf Samstag, den 20.02.2027, im Polizeisport-Verein Karlsruhe. Zudem wurden Themen und Termine zukünftiger Fachtagungen sowie die Aktivitäten für 2026 diskutiert und vorgestellt. Im Rahmen der Tagung wurde auch der Landesfachausschuss Capoeira neu gewählt, der nun aus folgenden Personen besteht:
Landesfachwartin: Sabine Koch
Stellv. Landesfachwart: Michael Krenbauer
Landeslehrwart: Per Böse
Landestrainer: Jonas Walter
Stellv. Landestrainer: Luiz Carlos dos Santos Gomes
Nachwuchsbeauftragter: Len Böse
Pressewartin: Dana Graulich
Die Fachtagung zeigte eindrucksvoll, wie eng Musik, Bewegung und Gemeinschaft in der Capoeira miteinander verbunden sind – und wie wichtig der fachliche Austausch für die Weiterentwicklung des Fachgebiets im Badischen Turner-Bund bleibt.